helzo.de

Schön' Feierabend, das Buch von Evelyn Heller

Leseprobe

Das neue Buch von Evelyn Heller "Schön' Feierabend"
336 Seiten, Preis: 7,90 €
Leseprobe
Hörprobe
Buchbestellung
Ihre Meinung zum Buch


 

 

Was wir heut dekorieren, wird sie morgen interessieren!

In meiner Lehrzeit war ich ja an die Arbeit eines Wanderdekorateurs gewohnt. So wechselte ich mit den Jahreszeiten von Filiale zu Filiale, um die Schaufenster zu aktualisieren. So auch in Berlin. Zum Saisonschluss wurden die Werke von unseren Chefs bewertet. 5,0 Punkte waren die Höchstnote, wie beim Eiskunstlaufen. Wie ehrgeizig war ich und viele andere Kollegen, um gute Bewertungen zu bekommen. Wie in der Schule, wenn Aufsatznoten bekannt gegeben wurden, lag eine Spannung in der Luft, wenn unsere Chefs die Bewertungen verlasen. Zuvor, wie so oft bei Arbeitsbesprechungen, musste man das Thema Zivilverteidigung über sich ergehen lassen. "Wie verhalte ich mich bei einem Atomschlag." Mit ein bisschen Seife und Wasser konnte man sich angeblich "dekonterminieren", manche glaubten auch noch den Blödsinn. Meistens wurden Knoten geübt, die man an den Seilen brauchte, um Verwundete zu retten. Am Ende unserer Arbeitsberatung, bevor die Mädels wieder in ihre Verkaufsstellen ausschwärmen, stellt unser Grafiker heimlich die Frage: "Was hat der HO- Verkaufsstellenleiter mit einem Astronauten gemeinsam?" "Sie tragen eine hohe Verantwortung für die staatliche Handelsorganisation". "Sie wollen hoch hinaus?", frage ich. "Alles falsch. Ihr Dekomäuse müsst es doch besser wissen. Verkaufsstellenleiter und Astronauten kennen sich sehr gut im leeren Raum aus". Nach dem üblichen Witze wechseln, ging's an die neue Deko. Dekodraht im Saum bringt frischen Wind im Modetraum! 1977 Mein Arbeitsbereich war neben der Jugendmode noch kleinere Objekte in die Schönhauser Allee, auf und ab bis Pankow Kirche. Die Herrenkonfektion benötigte seine Zeit. Das Seidenpapier wurde wie eine Ziehharmonika zusammengefaltet und äußerst vorsichtig mit einer Federleiste in die Sakkoärmel einführt bis absolut keine Falte mehr zu sehen war. Selbst später als die steifen Büsten ohne Kopf durch lebensnahe Vollfiguren ersetzt wurden, verzichtete ich nicht auf das Seidenpapier, um den Männerfiguren ein paar Muskeln zu zaubern. Wenn reklamierte Exquisitschuhe preiswert an das Personal abgegeben wurden, gab es eine riesige Aufregung. Der Zickenalarm brach aus. Wenn man teure Exschuhe für ein paar DDR Mark bekam, war es wie Weihnachten. Ein kleiner Ausgleich für den geringen Lohn in DDR-Mark, in DM, in Euro, egal: damals wie heute, im Handel wird eher schlecht bezahlt. Gegenüber in der Karl-Marx-Allee waren ein großer Fischladen und der Polenladen. Da wir uns mit den Verkäuferinnen dort angefreundet hatten, gab es auch mal Aal aus Rostock und Champignons aus Polen. Wenn die dicke Fischverkäuferin Dagmar zum Beispiel Jeans suchte, war das Kollektiv bemüht, sie in die Richtige von zehn in Frage kommenden zu zwängen, egal wie. Nach dem Motto: "Du gibst mir, und ich gebe dir", man kann ja nicht wissen, was man mal braucht? Und da die DDR so klein war, traf man sich ohnehin immer wieder. Wenn Daggi wieder ging, nahm sie den Fischgeruch und unsere Bestellungen fürs Wochenende mit. Bück-Klamotten gegen Bück-Linge und andere seltene Fischarten der DDR. Ab und an spendierten wir Daggi in unserem Stamm-Cafe "Sibylle" auf der gegenüberliegenden Seite der Kalle Malle einen Schwarzwälder Kirsch Eisbecher mit viel Sahne. Sie den Kaffee als Dank für ihre Verkleidung. Cafe " Sibylle" gibt es heute noch.


Copyright 2005 © helzo.de